Форум кафедры иностранных языков и перевода УрФУ

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#1 2016-01-31 22:21:12

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Перевод с немецкого. Проза.

Vernehmungsprotokoll von Xavier Sand
Am 9. März 2012


Kripobeamter Josef Zangerl: Können Sie sich ausweisen?
Xaver Sand: Ich habe meinen Führerschein dabei.
J. Z.: Gut. Geben Sie ihn mir. Xaver Sand, geboren am 1. März 1958. Wohnhaft?
X. S.: Seit einem Jahr in Schuroth 1, 4135 Hegnersdorf, Oberösterreich. Vorher habe ich in Berlin gelebt.
J. Z.: Beruf?
X. S.: Schriftsteller.
J. Z.: Und wie Sie mir vorher erklärt haben, sind Sie gekommen, um im Fall der Entführung von Jakob Sonnenfeld neu auszusagen?
X. S.: Ja.
J. Z.: Gut, es ist der 9. März 2012, dreiundzwanzig Uhr fünfzehn. Dann erzählen Sie bitte von Anfang an, was passiert ist. Seit wann sind Sie in Innsbruck?
X. S.: Ich kam am letzten Sonntag, am 4. März, um circa vier Uhr nachmittags an.
J. Z.: Wo genau?
X. S.: Bei Mathilda Kaminski am Bergiselweg 41. Wo ist sie?
J. Z.: Sie wird im Nebenzimmer vernommen. Sie kennen die Dame gut?
X. S.: Ja, wir waren früher ein Paar, in Wien, sechzehn Jahre lang.
J. Z.: Wann war das?
X. S.: 1980 bis Mai 1996.
J. Z.: Was wollen Sie bei Frau Kaminski?
X. S.: Sie ist Deutschlehrerin hier in Innsbruck, bei den Ursulinen, und ich hielt diese Woche dort eine Schreibwerkstatt.
J. Z.: Frau Kaminski bat Sie also um diese Schreibwerkstatt?
X. S.: Nein, nicht direkt. Das ist kompliziert.
J. Z.: Mein IQ wird es aushalten. Erklären Sie es mir.
X. S.: Der Tiroler Landesschulrat organisierte für fünfzehn Höhere Schulen in Tirol Schreibwerkstätten, die jeweils von österreichischen Schriftstellern gehalten werden sollen. Es wurde gelost, welcher Schriftsteller an welche Schule kommt. Ich wurde also per Losverfahren der Schule zugeteilt, an der Mathilda, ich meine Frau Kaminski, unterrichtet. Im Jänner nahmen wir per E-Mail Kontakt auf und vereinbarten den Termin 5. bis 9. März. Ich freute mich sehr auf das Treffen.
J. Z.: Sie kamen also am Sonntag um circa sechzehn Uhr an. Was geschah dann?
X. S.: Nichts Besonderes, wir unterhielten uns gut, wir plauderten, tranken Kaffee, aßen Kuchen, gingen spazieren. Später aßen wir gemeinsam, Mathilda, Frau Kaminski, ist ja eine wunderbare Köchin, wir hörten Musik, tranken Wein und sprachen über die Schülerinnen, die sich für die Schreibwerkstatt angemeldet hatten. Gegen zehn Uhr fuhr ich ins Hotel.
J. Z.: Über was plauderten Sie mit Frau Kaminski?
X. S.: Über alles Mögliche, über alte Zeiten. Es war von Anfang an – eine gute Stimmung da. Nur am zweiten Abend stritten wir uns kurz, daraufhin bin ich früher ins Hotel gefahren.
J. Z.: Worüber stritten Sie?
X. S.: Das ist nicht wichtig. Es hat mit der Sache an sich nichts zu tun.
J. Z.: Das lassen Sie mich beurteilen.
X. S.: Ich zweifle weder an Ihrem IQ noch an Ihrem Beurteilungsvermögen.
J. Z.: Das freut mich.
X. S.: Ich warf in einer dummen Bemerkung Mathilda vor, dass ihre früheren – wie soll ich sagen? – Verhaltensmuster der Grund waren, weshalb ich sie wegen einer anderen Frau verließ. Und meine dumme Bemerkung ging leider noch weiter: Wenn sie eben früher etwas – na ja – nicht so brav und bieder gewesen wäre, hätte ich sie nicht verlassen, hätte kein Kind mit meiner jetzigen Exfrau bekommen und dieses Kind hätte dann auch nicht verschwinden können, weil es ja gar nicht existiert hätte. Auf alle Fälle sagte ich: Dann wäre das Schreckliche gar nicht passiert, und das regte Frau Kaminski auf.
J. Z.: Und wie würden Sie das heute beurteilen? Wäre Frau Kaminski in der Beziehung mit Ihnen anders gewesen, hätten Sie sie dann wirklich nicht verlassen?
X. S.: Eigentlich sollte ich nur meinem Therapeuten darauf eine Antwort geben und nicht Ihnen, da es ja nichts zur eigentlichen Sache tut. Aber ich werde Ihnen antworten, weil ich einfach will, dass die ganze Wahrheit ans Licht kommt. Aus heutiger Sicht, nach sechzehn Jahren, würde ich sagen: Sie war in Ordnung, so wie sie war! Ich war ein Idiot, dass ich das damals nicht so sah! 

[…]

Judith W. Taschler „Die Deutschlehrerin“

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